Foto: Prof. Dr. med. Dieter C. Wirtz

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,
liebe Mitglieder der DGOOC,

es ist mir eine außerordentliche Ehre, die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie mit der 119-jährigen Geschichte und Tradition als Präsident 2020 zu vertreten. Ich bedanke mich für Ihr Vertrauen und Ihre Unterstützung, dieses Amt ausüben zu dürfen.

Wo geht es mit der Orthopädie und Orthopädischen Chirurgie hin?

Wir versorgen jährlich rund 1,6 Mio. Patienten operativ mit muskuloskelettalen Erkrankungen in unterschiedlichen deutschen Krankenhauseinrichtungen (Statistisches Bundesamt, Destatis 2018). Rund ein Viertel der Krankheitstage von Arbeitnehmern/-innen sind durch Muskel-Skelett-Erkrankungen bedingt. Fasst man alle ambulant und stationär durchgeführten Leistungen am Stütz- und Bewegungsapparat bei Erkrankungen (nicht Verletzungen) zusammen, so machen diese etwa 10 % der Gesamtkosten im Gesundheitswesen aus; damit sind wir einer der größten, aber kostenintensivsten Versorgungsbereiche in der Medizin.

Als Orthopäden und Unfallchirurgen haben wir zwischenzeitlich eine hohe Spezialisierung sowohl in der konservativen als auch operativen Behandlung erreicht. Gerade wir besitzen die notwendigen Kenntnisse, die Differentialindikation für eine operative oder eine konservative Behandlung zu stellen. Das sichert Versorgungsqualität. Wir müssen diese Versorgungsqualität aber auch beweisen; daher sind die Bestrebungen unserer Fachgesellschaft nach einer Intensivierung der Versorgungs- und Registerforschung sehr sinnvoll.

Dies gilt sowohl für den operativen als auch den konservativen Bereich. Wir müssen auf die zum Teil unsachlich geführten öffentlichen Diskussionen über Mindestmengen und zum Thema „Es wird zu viel operiert“ klare Antworten geben. Die Logik der am 01.01.18 in Kraft getretenen Neufassung der Mindestmengen-Regelung, dass bei 50 Knieendoprothesenimplantationen pro Jahr auch im nächsten Jahr operiert werden darf, bei 49 aber nicht, ist nicht nachvollziehbar und dient auch nicht der Optimierung der Versorgungsqualität. Sicherlich gibt es einen klar nachweisbaren Zusammenhang zwischen Fallzahl und Qualität; für diesen scharfen Trennwert gibt es hingegen keine Evidenz. Diesen wird es wahrscheinlich, auch wissenschaftlich nachweisbar, aufgrund einer nicht vollumfänglich machbaren Risikoadjustierung nicht geben. Die Stellgröße Mindestmenge muss daher in der Festlegung, wer ermächtigt ist oder nicht, ergänzt werden durch den Nachweis von überprüfbaren Struktur- und Prozesskriterien. Im Endocert-System sind diese Forderungen adressiert, bedürfen aber gerade für die komplexe Endoprothetik (Wechselendoprothetik, septische Komplikationsendoprothetik) einer weiteren Spezifizierung.

Ziel meiner Präsidentschaft ist es daher, insbesondere unsere fachgesellschaftsseitig etablierten Qualitäts-initiativen (u. a. Endocert, EPRD) inhaltlich weiter zu vertiefen. Wir brauchen hier eine noch klarere Definition, welche Kompetenz notwendig ist, gerade hochkomplexe Eingriffe in der orthopädischen Chirurgie durchzuführen. Es macht keinen Sinn, solche Eingriffe an jedem Standort durchzuführen; nur mit einer entsprechenden Klinikstruktur und einer spezialisierten operativen Erfahrung können wir die Revisions- 
und Versagensraten senken.

Mit dem EPRD haben wir hier ein einzigartiges Tool zur Verfügung, diesen Weg mit belastbaren Daten zu begründen. Und gerade weil das EPRD als Blaupause für das vorgesehene Deutsche Implantatregister herangezogen werden soll, haben wir auch die einmalige Chance, eng mit den gesundheitspolitischen Entscheidungsträgern in unserem Land zusammenzuarbeiten. So wie der bisherige Zeitplan es vorsieht, wird es in 2020 erstmalig dazu kommen, dass eine Fachgesellschaftsinitiative gesetzgeberisch auf eine staatlich verpflichtende Verordnungsebene gehoben wird.

Aber nicht nur in der Endoprothetik, sondern in all unseren weiteren Versorgungsbereichen müssen wir mit harten Daten und Fakten nachweisen, dass wir Ergebnisqualität liefern. Das geht nur durch eine breit angelegte Versorgungsforschung, bei der sowohl Registerdaten als auch kontrollierte Studien ausgewertet werden. Gerade für uns als wissenschaftliche Fachgesellschaft ist es bedeutsam, Versorgungsforschung in unserem Fach zu institutionalisieren. Auch wenn die eigentliche Umsetzung noch nicht klar definiert wurde, ist uns die Notwendigkeit einer solchen Struktur durchaus bewusst.

Dies gilt letztendlich und ganz besonders auch für unsere konservative Behandlungskompetenz; nur dann, wenn wir beweisen, dass ein multimodales orthopädisch konservatives Behandlungskonzept deutlich die Ergebnisqualität gegenüber den rein physikalischen Therapiestrategien verbessert, werden wir weiterhin in Praxis und Rehabilitationseinrichtungen auch die konservativen Spezialisten für den Bewegungsapparat bleiben. Wenn wir auf Gremienebene unsere Kräfte bündeln und sowohl die Fachgesellschaften (DGOOC, DGU, DGOU) als auch der Berufsverband (BVOU) eng zusammenarbeiten, dann sollte es gelingen, eine Institution für Versorgungsforschung in O und U zu etablieren.

Mit einer solchen Einheit wäre es sicherlich auch möglich, orientiert am Bedarf der Bevölkerungsversorgung, unsere zukünftigen Klinikstrukturen in O und U abzuleiten. Wenn man den internationalen Trend betrachtet, so sind die Zeiten einer getrennt arbeitenden „orthopädischen“ und einer „unfallchirurgischen“ Versorgungseinheit vorbei. Topographisch-anatomisch strukturierte Sektionen sind das, was der differenzierte Patient braucht. Derjenige, der beispielsweise immer an der Wirbelsäule operiert, wird das, ob krankheits- oder traumabedingt, mit hoher Wahrscheinlichkeit besser machen, als der, der viel an den Gelenken operiert.

Und dies gilt auch für die konservativen Aspekte in unserem Fach. Mit der Neufassung der Zusatzbezeichnung Orthopädische Rheumatologie ist es gelungen, eine große Vielzahl von konservativen Behandlungskenntnissen und -fertigkeiten zu subsumieren. Damit haben wir die große Chance durch die Weiterbildungsordnung legitimiert, konservative multimodale Behandlungsprinzipien am Stütz- und Bewegungsapparat als Spezialisierung gleichwertig zu operativen Zusatzbezeichnungen in unserem Fach auszuweisen.

Damit diese Zusatzbezeichnung auch wertig wird, müssen wir in unseren Weiterbildungseinrichtungen entsprechende Strukturen schaffen, dass eine solche konservativ orientierte Weiterbildung auch möglich ist. Bisher bildet sich dies weder im DRG-System für den stationären Bereich noch im KV-System für den ambulanten Sektor ab. Eine Zusatzendgeltung wird es aber auch erst dann geben, wenn wir den Nutzen dieser konservativen Leistungen nachgewiesen haben. Es braucht also belastbare Outcome- und Versorgungsforschung. Diesem Aufgabenfeld müssen wir uns, wie vorab dargestellt, stellen und auf eine institutionalisierte Struktureinheit hinarbeiten.

Ein weiteres Ziel in 2020 muss es sein, verbesserte Versorgungskonzepte, insbesondere für unsere älteren Patienten, zu entwickeln. Nicht nur die Zahl alterstraumatologischer Fälle steigt stetig, sondern auch die der geriatrisch orthopädischen Fälle. 42 % aller Hüfterstimplantationen und 33 % aller Knieerstimplantationen, die im EPRD erfasst sind (Jahresbericht EPRD 2019) wurden bei Patienten im Alter ≥ 75 Jahre durchgeführt. Hier sollten wir eng mit Geriatern zusammenarbeiten, um die spezifischen Problemfelder der älteren Patienten adäquat zu adressieren. Es bedarf hier klarer Behandlungs- und Strukturempfehlungen, wie wir in den Akutkliniken, aber auch im ambulanten Sektor, damit umgehen. Die DGOOC, DGU und DGOU haben daher beschlossen, auf Basis des bisherigen Weißbuches Alterstraumatologie gemeinsam mit den geriatrischen Fachverbänden ein neues Weißbuch Geriatrische Orthopädie und Unfallchirurgie zu entwickeln.

Die hier dargestellten Aufgabenfelder für 2020 werden natürlich auch einen entsprechenden Raum zur Diskussion bei unserem Jahreskongress DKOU im Oktober 2020 haben. Ich freue mich schon jetzt auf diesen Höhepunkt meiner Präsidentschaft. Gemeinsam mit Prof. Michael Raschke als Präsident der DGU und Burkhard Lembeck als Kongresspräsident des BVOU haben wir uns das Motto „Vereinte Vielfalt“ ausgesucht. Nach abgeschlossenem Vereinigungsprozess in O und U liegt die Zukunft unseres Faches in der Vielfalt unserer Kompetenzen und Handlungsfelder. Wir sind uns sicher, dass mit diesem Motto und den gewählten Schwerpunktthemen ein außerordentlich interessanter und wissenschaftlich produktiver Kongress stattfinden wird.

In diesem Sinne freue ich mich sehr auf die anstehenden Aufgaben mit den Vorstandskollegen/-innen und allen Gremienvertretern/-innen unserer Fachgesellschaft. Nur gemeinsam können und werden wir die Herausforderungen meistern. Ich bin mir sicher, dass wir nicht nur einen, sondern mehrere Schritte auf dem vorgezeichneten Weg nach vorne kommen.

Ihr
Prof. Dr. med. Dieter C. Wirtz
DGOOC-Präsident 2020

X

Right Click

No right click

Um die Website optimal gestalten und Ihnen den bestmöglichen Service bieten zu können, verwenden wir Cookies. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. > Zur Datenschutzerklärung