DGOU-Generalsekretär Prof. Dr. Dietmar Pennig

Kliniken im Ausnahmezustand

Orthopäden und Unfallchirurgen in der Klinik haben nahezu alle elektiven Eingriffe eingestellt. Die Krankenhäuser haben umgerüstet und bereiten sich auf die angekündigte Welle mit einer hohen Anzahl von Corona-Patienten vor: Intensivkapazitäten sind aufgestockt, Personal umorganisiert und Schutzausrüstung besorgt. Das kostet Geld. Daher hat das Bundesministerium für Gesundheit Hilfe für eine Krisenfinanzierung zugesagt und ein Krankenhausentlastungsgesetz auf den Weg gebracht. DGOU-Generalsekretär Prof. Dr. Dietmar Pennig bewertet den aktuellen Kabinettsbeschluss vom 23. März 2020 und erklärt, warum diese gesetzlichen Maßnahmen zur Bewältigung der Corona-Krise unerlässlich sind.

Welchen Anteil übernehmen die orthopädisch-unfallchirurgischen Kliniken derzeit in der Corona-Krise?

Pennig: In dieser Krise sind Krankenhäuser als Ganzes zu betrachten. Der Begriff der Fachabteilung muss bei entsprechender Dynamik zusehends in den Hintergrund treten. Ärztliches und pflegerisches Personal wird zur Betreuung von Intensivpatienten geschult, die Lücken in der Pflege werden bspw. durch die Physiotherapie geschlossen. Die Erfahrungen mit Massenanfällen von Patienten, wie gerade auf der 3. Notfallkonferenz der DGU am 29. November 2019 in Ludwigshafen trainiert, sind für Krankenhäuser die Blaupause zur Bewältigung eines Patienten-Ansturmes. Der Unterschied besteht darin, dass in der aktuellen Krise die Patienten nicht operiert, sondern intensiv-medizinisch versorgt werden müssen.

Welche Auswirkungen hat das für O und U, aber auch für die Krankenhäuser generell?

Pennig: In allen Bereichen und auch in O und U fallen naturgemäß mit den elektiven Patienten die erlösrelevanten Eingriffe weg. In dieser Phase der Krise ist ein Bettenleerstand über alle Fachabteilungen hinweg zu beobachten. Dies ist jedoch unvermeidlich, da man nicht erst mit dem Auftreten großer Patientenzahlen beginnen kann, die Aufnahmekapazitäten zu schaffen. Zum Abfluss der verlegbaren Patienten aus den Akutkliniken kann auf die Bettenkapazität der Rehakliniken zurückgegriffen werden. Die administrativen Hürden dieser Verlegung müssen in dieser Krise sehr niederschwellig sein.

Sie sind seit zwei Wochen in intensiven Gesprächen mit dem Bundesgesundheitsministerium: Welche Hinweise haben Sie eingebracht?

Pennig: Die Politik im Allgemeinen und das Bundesgesundheitsministerium im Besonderen werden an ihren Versprechungen gemessen, Krankenhäuser finanziell abzusichern. Leistungsstarke Kliniken haben höhere Vorhaltekosten und müssen für den Bettenleerstand entsprechend dem Case-Mix-Index entschädigt werden. Dies wäre eine nachvollziehbare und gerechte Vorgehensweise. Die Ausgaben in Verbindung mit dem Management der Corona-Pandemie sind für alle relevant gestiegen. Der Leerstand von Betten durch die Anordnung des Bundesministers, elektive Eingriffe auszusetzen, muss in angemessener Weise vergütet werden. Dies wird in der ersten Phase jedoch wahrscheinlich pauschaliert werden. Diese Pauschale muss großzügig gefasst werden. Mittels einer Abrechnung zum Jahresende kann hier ein entsprechender Ausgleich in der einen wie in der anderen Richtung vorgenommen werden und sollte letztendlich in Abhängigkeit vom Case-Mix-Index der einzelnen Kliniken geschehen.

Reicht der angedachte Schutzschirm für Kliniken, damit die Krankenhäuser liquide bleiben?

Pennig: Die Liquiditätsreserven der Krankenhäuser sind naturgemäß unterschiedlich. Um handlungsfähig zu bleiben, ist die Liquidität unbedingt zu erhöhen. Hierzu dient eine Verkürzung des Zahlungsziels der Kostenträger von heute 30 auf fünf Tage. Die MDK-Prüfungen sind für den Zeitraum der Krise unbedingt auszusetzen. Der damit verbundene administrative Aufwand ist derzeit nicht zu leisten. Um die Folgen des Wegfalls der elektiven Eingriffe und den damit verbundenen Bettenleerstand abzufedern, ist es notwendig, dass die Kostenträger Ausgleichzahlungen zeitnah zur Verfügung stellen. Jede Form des Taktierens ist kontraproduktiv und kostet Menschenleben. Eine zögerliche Haltung in dieser Phase – egal auf welcher Seite – kann das System destabilisieren.

Was ist aus Ihrer Sicht jetzt für das weitere Handeln absolut wichtig?

Pennig: Wichtig ist, die Motivation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hoch zu halten. Hier erkennen wir eine vorbildliche Einstellung in allen Bereichen der Krankenhäuser. Kommt es jedoch zu Liquiditätsengpässen, kann die Zahlung von Löhnen und Gehältern ausgesetzt werden. Dies könnte die fatale Folge haben, dass die Stimmung im Land kippt – mit entsprechenden Auswirkungen, auch für die politisch Handelnden. Im Fokus muss neben dem Patienten auch und gerade das Personal stehen.

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