Prof. Dr. Dieter C. Wirtz

Interview mit Prof. Dr. Dieter C. Wirtz

Erkrankungen und Verletzungen des Stütz- und Bewegungsapparats gehören zu den häufigsten Leiden in Deutschland. Es werden jährlich allein rund 1,6 Millionen Betroffene laut Statistischem Bundesamt in deutschen Krankenhäusern operativ versorgt. Da die meisten der muskuloskelettalen Erkrankungen zunehmend im Alter auftreten, wird angesichts des demographischen Wandels die Zahl der Betroffenen in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Darüber wie Lebens- und Versorgungsqualität der Patienten auch zukünftig gesichert werden kann und welche Herausforderung dies für das Fach bedeutet, äußert sich Prof. Dr. Dieter C. Wirtz, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) und Direktor der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Universitätsklinikum Bonn.

Orthopäden und Unfallchirurgen wird häufig vorgeworfen, sie würden zu viel operieren. Ist da etwas Wahres dran?

Wir müssen auf die zum Teil unsachlich geführten öffentlichen Diskussionen zum Thema „Es wird zu viel operiert“ klare Antworten geben und die Versorgungsqualität unserer Patienten auch beweisen. Wir haben heute eine hohe Spezialisierung erreicht und gerade wir besitzen die notwendigen Kenntnisse, die Wahl für eine operative oder eine konservative Behandlung zu treffen. Dabei ist unser Hauptziel eine personalisierte und individualisierte gute Versorgung der Patienten mit einem hohen Differenzierungs- und Spezialisierungsgrad. Dafür müssen wir aber auch den Bedarf innerhalb der Bevölkerung kennen und daran orientiert unsere zukünftigen Klinikstrukturen in Orthopädie und Unfallchirurgie ableiten. Daher brauchen wir mehr Versorgungsforschung sowie belastbare Zahlen aus unseren Registern. Wir müssen mit harten Daten und Fakten nachweisen, dass wir Ergebnisqualität liefern.

Das Endoprothesenregister Deutschland (EPRD) – eine Qualitätsinitiative der DGOOC – ist beispielsweise so ein einzigartiges Tool. Daher wird das EPRD als Blaupause für das von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn für 2020 vorgesehene Deutsche Implantatregister herangezogen. Es ist das erste Mal, dass eine Fachgesellschaftsinitiative auf eine gesetzgeberische Ebene gehoben wird. Neben einer breit angelegten Versorgungsforschung brauchen wir aber auch mehr Grundlagenforschung im Konzert der anderen medizinischen Fächer. Ein Beispiel ist die Immunologie des Knochens, die eine Rolle bei der Volkskrankheit Osteoporose spielt.

Wie sieht für Sie die Klinikstruktur der Zukunft aus?

Die flächendeckende Krankenhauslandschaft sichert eine gute Notfallversorgung, die eher ausgebaut als durch Schließung von Krankenhäusern zunichtegemacht werden sollte. Andererseits muss nicht jede planbare Operation in jedem Krankenhaus durchgeführt werden. Wir brauchen daher mehr Zentrumsbildung, mit klarer Definition, wer welches Krankheitsbild oder Verletzungsmuster behandelt oder nicht. Denn nur mit einer spezialisierten operativen Erfahrung können wir die Revisions- und Versagensraten senken.

Daher sind auch im internationalen Trend die Zeiten getrennt arbeitender „orthopädischen“ und „unfallchirurgischen“ Versorgungseinheiten vorbei. Die Klinikstruktur sollte sich in topographisch-anatomische Sektionen wie Schulter-/Ellbogenchirurgie oder Wirbelsäulenchirurgie oder Handchirurgie gliedern. Dies ist bereits an unserer Klinik am Bonner Universitätsklinikum realisiert. Denn nur derjenige, der immer an Becken und Hüfte operiert, wird eine exzellente Ergebnisqualität erzielen – unabhängig ob unfallbedingte Frakturversorgung oder planbarer orthopädisch-chirurgischer Eingriff. Doch solche Strukturen sind personal- und kostenintensiv. Hinzu kommt die Versorgung von hochkomplizierten Fällen wie Wechselendoprothesen. So hat unsere Klinik den höchsten Case Mix Index (CMI) im Vergleich zu anderen Universitätsklinika in Deutschland. Doch dies wird im Mittelwert-orientierten DRG-System nicht refinanziert und wir brauchen daher einen klar definierten Zentrumszuschlag. Das gleiche gilt auch für die Weiterbildung zum Facharzt und ein qualifiziertes Weiterbildungsangebot muss sich lohnen.

Wie wollen Sie das Fach attraktiv für den Nachwuchs machen?

Mit einer breit gefächerten Weiterbildung bis zum Facharzt und einer danach möglichen, aber auch notwendigen Spezialisierung im operativen Bereich ist unser Fach sicherlich sehr attraktiv. Hinzu kommt die breite Vielfalt der Entfaltungsmöglichkeiten im konservativen Bereich. Denn wenn man im Studium Interesse an der Orthopädie und Unfallchirurgie gefunden hat, weiß man noch nicht, ob man ein talentierter Operateur werden wird. Neben einer qualifizierten Weiterbildung müssen wir es schaffen, die Arbeitsbedingungen attraktiv zu gestalten. Dies ist einfacher gesagt als getan. Denn die Rahmenbedingungen in dem zunehmend auf Effizienz getrimmten DRG-System und dem bestehenden Arbeitszeitgesetz mit den Folgen der Arbeitsverdichtung pro Zeiteinheit sind schwierig.

Welche Antwort haben Orthopädie und Unfallchirurgie auf den demographischen Wandel?

Unsere älteren Patienten brauchen verbesserte Versorgungskonzepte. Nicht nur die Zahl alterstraumatologischer Fälle steigt stetig, sondern auch die der geriatrisch orthopädischen Fälle. Hier sollten wir – wie bereits an unserer Bonner Klinik – eng mit Geriatern zusammenarbeiten. Denn es bedarf hier klarer Behandlungs- und Strukturempfehlungen, wie wir in den Akutkliniken, aber auch im ambulanten Sektor, damit umgehen. Die DGOOC, DGU und DGOU haben daher beschlossen, auf Basis des bisherigen Weißbuches Alterstraumatologie gemeinsam mit den geriatrischen Fachverbänden ein neues Weißbuch Geriatrische Orthopädie und Unfallchirurgie zu entwickeln.

Quelle: Universität Bonn

Weiterführende Informationen:

Links:
Website Universitätsklinikum Bonn

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