125 Jahre DGOOC – Interview
„Was braucht die Orthopädie der Zukunft, Herr Professor Kladny?“
In diesem Jahr hat die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC) ihren 125. Geburtstag. Sie steht damit für Tradition, aber auch für die kontinuierliche Weiterentwicklung der Orthopädie. Was braucht das Fach, um in der Zukunft stark und attraktiv zu bleiben? Prof. Dr. Bernd Kladny, Generalsekretär der DGOOC, spricht über die besondere Identität der Orthopädie im gemeinsamen Fach O&U, über Mobilität und Lebensqualität in einer alternden Gesellschaft und darüber, was ihn persönlich bis heute an der Orthopädie fasziniert.
Was macht für Sie den Kern der Orthopädie aus?
Prof. Dr. Bernd Kladny: Für mich geht es in der Orthopädie vor allem darum, Menschen ein Leben lang mobil zu halten. Wir begleiten sie oft über viele Jahre – vom Säugling mit einer Fehlbildung bis zum älteren Menschen mit Arthrose oder chronischen Schmerzen. Während die Unfallchirurgie meist dann ins Spiel kommt, wenn plötzlich etwas passiert, schauen wir in der Orthopädie stärker auf die langfristige Entwicklung: Wie können wir Mobilität und Lebensqualität erhalten oder wiederherstellen? Es ist wichtig, dass O&U ihr eigenes Profil behalten, beides gehört aber für mich ganz klar zusammen.
Welche Bedeutung hat die Orthopädie in einer alternden Gesellschaft?
Kladny: Eine sehr große, und sie wird weiterwachsen. Im Alter kommen oft mehrere Erkrankungen zusammen, darunter auch orthopädische. Gleichzeitig wollen viele Menschen länger aktiv sein, reisen, wandern oder Fahrrad fahren. Aber es geht um mehr: Mobil zu bleiben heißt auch, selbstständig aufzustehen, einzukaufen und sich zu Hause versorgen zu können. Genau dabei kann die Orthopädie viel bewirken – mit konservativer Behandlung ebenso wie mit Operationen. Vor allem aber müssen wir früher ansetzen. Unser Gesundheitssystem repariert noch zu oft, wenn Beschwerden und Schäden bereits da sind. Wir müssen viel stärker vorbeugen.
Wie verändern Digitalisierung, Robotik und KI die Orthopädie?
Kladny: Da verändert sich gerade sehr viel. Wir können genauer planen, präziser operieren und die Behandlung besser auf den einzelnen Patienten abstimmen. KI kann uns dabei helfen, große Datenmengen auszuwerten und Zusammenhänge zu erkennen, die wir bisher vielleicht übersehen haben. Aber für mich ist klar: Technik bleibt ein Werkzeug. Sie kann uns unterstützen, aber sie ersetzt weder Erfahrung noch ärztliches Urteilsvermögen. Und nicht alles, was technisch möglich ist, macht die Medizin automatisch besser.
Was müssen junge Orthopädinnen und Orthopäden künftig können?
Kladny: Das klassische ärztliche Handwerk bleibt die Grundlage: Anamnese, körperliche Untersuchung und der direkte Patientenkontakt. Eine besondere Expertise unseres Fachs liegt in der speziellen orthopädischen Chirurgie – von gelenkerhaltenden und rekonstruktiven Eingriffen über die Endoprothetik bis zur komplexen Wirbelsäulen- und Deformitätenchirurgie. Gleichzeitig müssen wir mit Daten umgehen, Studien und Registerdaten bewerten und wissen, was KI kann und wo ihre Grenzen liegen. Und wir müssen gut im Team arbeiten und unseren Patienten komplexe Medizin so erklären, dass wir gemeinsam gute Entscheidungen treffen können.
Wie bleibt die Orthopädie auch in 25 Jahren attraktiv?
Kladny: Ich wünsche mir, dass junge Kolleginnen und Kollegen die Orthopädie auch in 25 Jahren als einen Bestandteil von O&U erleben, in dem sie wirklich etwas bewirken können. Dafür müssen wir die Breite unseres Fachs erhalten und zeigen, welche Bedeutung unsere Arbeit für Mobilität und Lebensqualität hat. Mir ist aber genauso wichtig, dass die nächste Generation unter Bedingungen arbeiten kann, die Zeit für gute Medizin, Weiterbildung und auch ein Leben neben dem Beruf lassen. Nur dann werden wir junge Menschen dauerhaft für unser Fach begeistern.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Swetlana Meier, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der DGOU.

