„Gemeinsam erreicht man mehr als allein“: Prof. Niethard über Geschichte, Wandel und Meilensteine der Orthopädie
Seit ihrer Gründung im September 1901 gestaltet die DGOOC die Entwicklung der Orthopädie – durch medizinische Fortschritte, strukturelle Veränderungen und die Zusammenführung mit der Unfallchirurgie. Zum 125-jährigen Jubiläum blickt Prof. Dr. Fritz Uwe Niethard auf prägende Momente seiner Amtszeit als Präsident und langjähriger Generalsekretär zurück. Im Interview erläutert er die Hintergründe der Annäherung und späteren Vereinigung von Orthopädie und Unfallchirurgie, ordnet die Entwicklung des Fachs ein und gibt einen persönlichen Rückblick auf einen der bedeutendsten Umbrüche der jüngeren Fachgeschichte.
Herr Professor Niethard, wann kamen Sie erstmals mit der Fachgesellschaft in Berührung?
Niethard: Das war in den 1970er-Jahren während meiner Zeit als Oberarzt in Heidelberg. Mein damaliger Chef, Professor Cotta, ermutigte mich früh, mich in der damaligen Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Traumatologie (DGOT) zu engagieren. Besonders prägend war für mich der Orthopädenkongress 1981 in Heidelberg, den ich organisatorisch mitverantwortet habe. Das war mein erster großer Auftritt in der orthopädischen Fachöffentlichkeit.
Wenn Sie auf 125 Jahre DGOOC blicken: Welcher Meilenstein war aus Ihrer Sicht besonders prägend?
Niethard: Für mich war die Zusammenführung von Orthopädie und Unfallchirurgie der entscheidende Meilenstein. Die Grundlage dafür wurde bereits gelegt, als der Orthopädenkongress 2001 von Wiesbaden nach Berlin umzog. Dort rückten beide Fachrichtungen Schritt für Schritt näher zusammen, bevor 2008 die DGOU gegründet wurde.
Gab es damals auch Vorbehalte?
Niethard: Ja, insbesondere auf orthopädischer Seite. Viele befürchteten, dass die Eigenständigkeit der Orthopädie verloren gehen könnte. Schließlich hatte sich das Fach bereits 1901 von der Chirurgie gelöst. Diese Sorgen mussten ernst genommen werden. Rückblickend hat sich aber gezeigt, dass die Zusammenführung der richtige Weg war.
Was macht die Geschichte der DGOOC aus Ihrer Sicht so besonders?
Niethard: Wenn ich auf die 125-jährige Geschichte der DGOOC blicke, denke ich zunächst an die vielen großen Persönlichkeiten, die unser Fach geprägt haben. Früher war die Gesellschaft im Wesentlichen eine Art Ordinarienkonferenz. Es gab große orthopädische Schulen in Heidelberg, München, Münster oder Essen, die die Entwicklung der Orthopädie maßgeblich bestimmt haben.
Und wie ist es heute?
Niethard: Eine der größten Veränderungen war die zunehmende Spezialisierung. Heute kann niemand mehr die gesamte Breite unseres Faches beherrschen. Viele Kolleginnen und Kollegen entscheiden sich früh für Schwerpunkte wie Endoprothetik, Wirbelsäulenchirurgie oder Tumororthopädie. Dadurch haben die Sektionen enorm an Bedeutung gewonnen und sind für viele Mitglieder zur eigentlichen fachlichen Heimat geworden.
Was macht die DGOOC vor diesem Hintergrund so wichtig?
Niethard: Die DGOOC hatte immer die Aufgabe, die gesamte Breite des Faches zusammenzuführen und den unterschiedlichen Interessen eine gemeinsame Stimme zu geben. Dass es der Gesellschaft über 125 Jahre hinweg immer wieder gelungen ist, Wandel zu gestalten und dabei den Zusammenhalt zu bewahren, macht ihre Geschichte für mich so besonders.
Welche Bilanz ziehen Sie heute aus dieser Entwicklung?
Niethard: Eine sehr positive. Ich bin überzeugt, dass wir gemeinsam stärker sind. Besonders deutlich wird das für mich an der jüngeren Generation. Meine Tochter ist heute Professorin für O&U in Regensburg. Für sie ist das ein gemeinsames Fach. Sie denkt gar nicht mehr in den Kategorien, die uns damals beschäftigt haben. Wenn ich das sehe, weiß ich, dass die Zusammenführung wirklich gelungen ist.
Sie haben auch den Aufbau der Geschäftsstellen begleitet. Warum war das wichtig?
Niethard: An die Zeit erinnere ich mich gern zurück. Zunächst waren wir beim Berufsverband untergebracht, später im Haus der Chirurgie gemeinsam mit der DGU. Das hatte auch eine gewisse Symbolkraft. Und es gab dort eine kuriose historische Besonderheit: Unser Büro befand sich in Räumen, die früher einmal zum DDR-Staatsapparat gehörten. Solche Geschichten vergisst man natürlich nicht.
NIETHARD GANZ PERSÖNLICH
Welche Werte haben Sie Ihren Kindern vermittelt und möchten Sie Ihren Enkeln mitgeben?
Niethard: Meine Frau und ich haben unseren Kindern Werte mitgegeben, die man vielleicht als preußische Tugenden bezeichnen würde: Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Fleiß, Verlässlichkeit und Pünktlichkeit. Für mich sind diese Werte bis heute die Grundlage – beruflich wie privat.
Was antworten Sie, wenn Ihre Enkel Sie fragen: „Opa, was hast du eigentlich beruflich gemacht?“
Niethard: Meine jüngste Enkelin interessiert sich sehr für meinen Beruf und liebt Geschichten aus dem Krankenhaus. Ich sage ihr dann: Ich habe Menschen geholfen, wieder auf die Beine zu kommen.
Wenn die DGOOC eine Person wäre – wie würden Sie ihren Charakter beschreiben?
Niethard: Mit einem Wort: aufrichtig; denn ortho = aufrecht!
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Swetlana Meier, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der DGOU.

