Frühe Diagnose kann künstliches Gelenk hinauszögern
Leistenschmerz, Schnappen, Blockieren: Hüftschmerzen sind nicht nur ein Problem des höheren Lebensalters. Auch jüngere Menschen können durch angeborene oder etwa durch Verletzungen erworbene Fehlformen der Hüfte früh Gelenkschäden entwickeln. Unbehandelt kann daraus eine Hüftarthrose entstehen. Die AE – Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik, eine Sektion der DGOU, weist anlässlich ihrer Online-Pressekonferenz am 16. Juni 2026 im Vorfeld des 28. AE-Kongresses darauf hin: Hüftschmerzen sollten frühzeitig abgeklärt werden. Denn bei geeigneten Patientinnen und Patienten können moderne Verfahren Fehlbelastungen korrigieren, Knorpelschäden begrenzen und eine spätere Hüftprothese hinauszögern. Gleichzeitig ist nicht jeder Befund behandlungsbedürftig und nicht jede OP verhindert eine Arthrose.
Hüftbeschwerden treten auch bei jüngeren und sportlich aktiven Menschen auf. Doch nicht jeder Hüftschmerz ist Arthrose. Gerade bei jüngeren Menschen kann ein sogenanntes femoroacetabuläres Impingement (FAI) dahinterstecken. Eine Metaanalyse zu Patientinnen und Patienten mit Hüftschmerzen, aber ohne fortgeschrittene Arthrose, fand bei rund 61 Prozent Hinweise auf ein FAI (1). Beim FAI stoßen Hüftkopf und Hüftpfanne bei bestimmten Bewegungen ungünstig aneinander. Dies kann den Gelenkknorpel und die Gelenklippe, das sogenannte Labrum, schädigen: „Unbehandelt kann es in eine Hüftgelenksarthrose münden“, sagt AE-Generalsekretär Prof. Dr. Georgi Wassilew, Direktor der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Rehabilitative Medizin der Universitätsmedizin Greifswald.
Zu den angeborenen Gründen für eine Hüftarthrose zählt auch die Hüftgelenksdysplasie (HD). Dabei ist der Hüftkopf nicht ausreichend von der Hüftpfanne überdacht. Von einer HD sind laut einer aktuellen Studie, die Röntgenbilder auswertete, etwa 2,3 Prozent der Erwachsenen betroffen (2). Auf Deutschland übertragen, entspräche das rechnerisch mehr als 1,5 Millionen Erwachsenen mit radiologischen Zeichen einer Hüftdysplasie.
Fehlstellungen früh behandeln, bevor die Arthrose fortschreitet
„Wenn solche Fehlstellungen rechtzeitig erkannt werden, lässt sich die Entwicklung einer Arthrose in ausgewählten Fällen deutlich bremsen“, erklärt Wassilew. „Wir können heute früher und individueller eingreifen als noch vor einigen Jahren.“ Im Mittelpunkt moderner Hüftchirurgie steht heute zunehmend der möglichst lange Gelenkerhalt. Ziel ist es, die Ursache der Fehlbelastung möglichst früh zu korrigieren und weitere Knorpelschäden zu vermeiden.
Nicht immer ist eine OP notwendig
„Nicht immer ist sofort eine Operation notwendig“, betont der Orthopäde und Unfallchirurg. Am Anfang stehen eine genaue klinische Untersuchung, bildgebende Diagnostik und – je nach Befund – konservative Maßnahmen wie Physiotherapie, Belastungsanpassung und Schmerztherapie. Entscheidend ist, die Ursache der Beschwerden zu erkennen und das weitere Vorgehen individuell festzulegen. Je nach Befund kommen dafür unterschiedliche Verfahren infrage. Bei einer HD kann etwa eine periazetabuläre Osteotomie (PAO) durchgeführt werden. Dabei wird die Hüftpfanne operativ so ausgerichtet, dass der Hüftkopf wieder besser überdacht und die Belastung im Gelenk gleichmäßiger verteilt wird. Bei einem FAI können arthroskopische Eingriffe helfen, knöcherne Engstellen zu korrigieren und Schäden am Knorpel und Labrum zu behandeln.
Biologische Knorpelverfahren: Welche Rolle spielen sie an der Hüfte?
Auch biologische und knorpelregenerative Verfahren gewinnen an Bedeutung. Sie sollen lokale Knorpelschäden behandeln und die Funktion des natürlichen Gelenks möglichst lange erhalten. Dabei geht es nicht darum, eine fortgeschrittene Arthrose rückgängig zu machen, sondern begrenzte Schäden frühzeitig zu adressieren.
Zu den möglichen Verfahren zählen etwa Mikrofrakturierung, AMIC, autologe Knorpelzelltransplantation/ACT oder matrixgestützte Verfahren. „Welche Methode infrage kommt, hängt unter anderem von Größe und Lage des Knorpelschadens, vom Zustand des übrigen Gelenks und vom Alter sowie Aktivitätsniveau der Patientinnen und Patienten ab“, sagt Wassilew. Knorpelverfahren sind jedoch keine Verjüngungskur für ein zerstörtes Gelenk: „Sie kommen vor allem bei begrenzten Knorpelschäden infrage – häufig nur dann, wenn zugleich die mechanische Ursache der Fehlbelastung behandelt wird“. „Aktuelle Daten zeigen, dass geeignete gelenkerhaltende Eingriffe die Lebensdauer des eigenen Hüftgelenks in ausgewählten Fällen um 20 bis 30 Jahre verlängern können“ (3-12), sagt Wassilew.
Nicht das Alter allein entscheidet
Gelenkerhaltende Verfahren sind nicht ausschließlich jungen Patientinnen und Patienten vorbehalten. „Auch Menschen über 40 Jahre können profitieren – vorausgesetzt, die Gelenksituation ist geeignet und die Knorpelsubstanz noch ausreichend erhalten.“ Entscheidend sind nach Einschätzung der AE vor allem der Zustand des Knorpels, das Ausmaß der Fehlstellung, das Arthrosestadium, die Beweglichkeit, das Aktivitätsniveau und die Erwartungen der Patientinnen und Patienten. Ist die Arthrose bereits weit fortgeschritten, stößt der Gelenkerhalt jedoch an Grenzen.
Wenn Gelenkerhalt nicht mehr sinnvoll ist: moderne Hüftendoprothetik
Wenn Gelenkerhalt nicht mehr sinnvoll ist, bietet moderne Hüftendoprothetik heute sehr gute Langzeitergebnisse. „Die Entscheidung sollte aber individuell fallen – besonders bei jüngeren und aktiven Patientinnen und Patienten.“ Internationale Registerdaten und aktuelle Analysen haben hochgerechnet, dass rund 92 Prozent der modernen Hüftprothesen 30 Jahre halten können (13).
Breites Spektrum statt Einheitslösung
„Die moderne Hüftchirurgie ist heute hochindividualisiert“, sagt Wassilew. „Entscheidend sind Gelenkzustand, biologische Voraussetzungen, Aktivitätsniveau und die Wünsche unserer Patientinnen und Patienten.“ Die entscheidende Frage laute deshalb heute nicht mehr nur: „Wann braucht eine Patientin oder ein Patient ein künstliches Gelenk? Sondern: Wie lange können wir das natürliche Gelenk erhalten – und welche Therapie passt individuell am besten?“.
Serviceinfos:
Wann sollten Hüftschmerzen ärztlich abgeklärt werden?
Patientinnen und Patienten sollten Hüftbeschwerden ärztlich abklären lassen, wenn:
Schmerzen in Leiste, Gesäß oder seitlicher Hüfte länger anhalten
Beschwerden beim Sport, Treppensteigen oder längerem Sitzen auftreten
die Hüfte blockiert, schnappt oder in der Bewegung eingeschränkt ist
bereits in jüngerem Alter wiederkehrende Hüftschmerzen bestehe
bekannte Fehlstellungen wie Hüftdysplasie vorliegen.
Wer profitiert vom Gelenkerhalt – und wer nicht?
frühes Stadium, begrenzter Knorpelschaden, mechanisch korrigierbare Ursache
weniger geeignet: fortgeschrittene Arthrose, großflächiger Knorpelverlust, stark eingeschränkte Beweglichkeit und präoperativ schlechte Funktion.
Terminhinweis
28. AE-Kongress: 18.-19. Juni 2026 in München: „Erfahrung als Fundament. Innovation als Auftrag”
Quellen
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