Allergie zeigt sich erst nach Implantation
Eine durch eine künstliche Hüft- oder Knieprothese ausgelöste sogenannte periimplantäre Hypersensitivität unterscheidet sich grundlegend von klassischen Kontaktallergien. Während letztere durch direkten Hautkontakt mit Metallen ausgelöst werden, handelt es sich bei einer Reaktion auf eine Endoprothese um eine immunologische Antwort im umgebenden Gewebe – und diese kann erst entstehen, nachdem ein Implantat eingebracht wurde. Der Nachweis ist zudem schwierig. Er gelingt meist nur durch die histologische Untersuchung von Gewebeproben, bei der entzündliche oder immunologische Reaktionen im Umfeld der Prothese nachgewiesen werden können.
Diagnostik mit Augenmaß
Routinemäßige Allergietests vor einer Gelenkersatzoperation seien deshalb nicht erforderlich, sagt Wassilew. Denn Epikutantests (ECT) oder Lymphozytentransformationstests (LTT) können eine Sensibilisierung nachweisen, erlauben aber keine sichere Aussage darüber, ob später eine Reaktion im Gewebe entsteht.
Die AE empfiehlt daher ein gestuftes Vorgehen:
- Testung nur bei klarer Vorgeschichte, etwa bei nachgewiesenen Kontaktreaktionen auf Schmuck oder vorherige Implantate.
- Ausschluss anderer Ursachen bei Beschwerden nach der Operation, etwa Infektion oder mechanische Probleme.
- Eine „Implantatallergie“ bleibt eine Ausschlussdiagnose, die nur bei entsprechendem klinischem Bild und nach sorgfältiger Abklärung gestellt werden sollte.
Hypoallergene Implantate als Alternative? Bisher noch kein Selbstläufer
Bei nachgewiesener Sensibilisierung können sogenannte „hypoallergene“ Implantate – etwa mit speziellen Beschichtungen oder auf Titan- bzw. Keramikbasis – eine Option sein. Ihr Einsatz sollte jedoch sorgfältig abgewogen werden: „Diese Implantate sind keineswegs automatisch die bessere Wahl“, sagt Wassilew. „Wenn sie vom Operateur nur selten verwendet werden, kann das Risiko von Komplikationen wie Lockerungen steigen – nicht aufgrund einer Allergie, sondern wegen technischer Probleme und fehlender Routine bei der Implantation.“ Zudem liegen für viele dieser Systeme bislang keine umfassenden Langzeitdaten vor. Ob sie eine vergleichbare Haltbarkeit wie bewährte Standardimplantate erreichen, ist deshalb noch nicht flächendeckend belegt. In die Entscheidung fließen neben der operativen Erfahrung auch noch die Kosten und Materialverfügbarkeit ein.
Fazit: Aufklärung, Erfahrung und Präzision entscheidend
„Entscheidend ist eine ehrliche und sachliche Aufklärung. Patientinnen und Patienten müssen wissen, dass eine bekannte Hautallergie nicht automatisch ein Risiko für eine Endoprothese darstellt“, sagt Wassilew. Er spricht sich für eine gemeinsame Entscheidungsfindung aus. „Mit der richtigen Indikation, einer präzisen Operationstechnik und der passenden Materialwahl können wir in der Endoprothetik heute hervorragende Ergebnisse erzielen – auch bei sensibilisierten Menschen.“
Forschung und Aufklärung notwendig
„Es besteht jedoch weiterer Forschungsbedarf – insbesondere zu Zusammenhängen zwischen Sensibilisierung, Beschwerden und Implantatversagen“, sagt Wassilew. Die AE setzt sich deshalb für mehr Forschung für eine bessere Integration histopathologischer Daten in Register und eine stärkere interdisziplinäre Zusammenarbeit ein, um Implantate noch sicherer zu machen.
Quelle:
Schoon J et al. Metallallergien in Orthopädie und Unfallchirurgie; Orthopädie und Unfallchirurgie up2date 2025; 20: 29–47

